Arbeitsfeld - Border Studies

Die Border Studies verstehen sich als ein weitgreifendes Arbeitsfeld im Schnittpunkt sozial- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen, die sich um die Themen Grenze und Differenz versammeln. Aufgrund ihres interdisziplinären Charakters sind die Border Studies auf keinen typischen Gegenstandsbereich verengt, ebenso wenig gründen sie auf einen etablierten Kanon von Theorien und Konzepten. Vielmehr führen sie Versatzstücke der beteiligten Disziplinen produktiv und gegenstandsorientiert zusammen.

Dennoch lassen sich innerhalb der Border Studies bestimmte Begriffsinstrumentarien und Ansätze ausmachen, die das Arbeitsfeld strukturieren. Besonders in den letzten 20 Jahren haben die Themen Grenze und Differenz einen enormen Aufschwung erfahren, was auf verschiedene und sich zum Teil gegenseitig bedingende Entwicklungen zurückgeführt werden kann:

Entgrenzung und Pluralisierung von Grenzen

Mit der Globalisierung weiter Lebensbereiche und Entwicklung moderner Kommunikationstechnologien wurden auf nationalen Grenzen basierende Konzepte von Gesellschaft, Kultur und Raum zunehmend infrage gestellt. Die 1990er Jahre waren – auch unter dem Eindruck der politischen Umwälzungen in Europa – zunächst von der Vorstellung einer entgrenzten Welt geprägt, in der Grenzen an Bedeutung verlieren. Studien haben allerdings gezeigt, dass das Konzept der Grenze nicht ausgedient hat, sondern sich ‚neue Grenzziehungen’ abzeichnen, die durch das Relativieren von (territorialen) Grenzen entstehen und als Ergebnisse von (transnationalen) sozialen Prozessen greifbar werden. Exemplarisch dafür standen Reterritorialisierungsprozesse ehemaliger Sowjetrepubliken, aber ebenso soziale und nicht sichtbare Grenzziehungen. Besonders letztere haben den Gegenstandsbereich der Border Studies erweitert, ebenso wie den Kreis der beteiligten Disziplinen.

Theoretisierung und Grenzbegriff

Seit den 1990er Jahren ist ein verstärkter Trend von der Einzelanalyse bestimmter (territorialer) Grenzen hin zur vergleichenden Gesamtschau auf mehrere Fallstudien auszumachen mit dem Ziel, die gewonnenen Ergebnisse stärker zu theoretisieren und in generelle Erkenntnisse über bordering-Prozesse zu überführen. Dabei ist eine Überformung des Grenzbegriffs festzustellen, bei der der imaginierten territorialen Grenzlinie die Vorstellung von Grenze als Ausdehnung bzw. als Kontaktzone zur Seite gestellt wird.  Diese Tendenzen äußern sich nicht nur im zunehmenden wissenschaftlichen Anspruch der Border Studies, ebenso ermöglichen sie kulturwissenschaftliche Anschlüsse für Konzepte des Liminalen. Sie helfen Grenzen nicht auf Demarkierungen oder Passagen zu verkürzen, sondern auch als eigenständige Orte (der Innovation) zu fassen.

Wissenschaftstheoretische Wenden

Die in den beteiligten Disziplinen vollzogenen wissenschaftstheoretischen Wenden spiegeln sich ebenso im gemeinsamen Arbeitsfeld wider. Die bedeutendste Entwicklung markiert zweifellos die Einsicht in die soziale Gemachtheit von Grenzen, womit sie als Ergebnisse von (politischen, sozialen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen) Prozessen in Erscheinung treten. Die Untersuchung von Grenzen und Differenzen richtet sich demnach nicht auf sie selbst, sondern auf die Prozesse ihrer Errichtung, Verschiebung, Unterwanderung oder Ausdehnung. Die ‚Dezentrierung der Grenze’ als generelle Forschungshaltung zugunsten der ‚Praxis der Grenze’ hat sich in den Border Studies unter dem Begriff des bordering etabliert.

Disziplinäre Vielfalt

Während die Border Studies bis in die 1980er Jahren noch stark von geographischen Arbeiten und territorialem Denken dominiert waren, ist seit den späten 1990er Jahren eine wachsende disziplinäre Vielfalt und damit eine größere Bandbreite an Gegenstandsbereichen, Untersuchungsfragen und theoretisch-konzeptionellen Bezugspunkten festzustellen. Die Weitung des Arbeitsfelds ist auf wissenschaftstheoretische Wenden (v.a. postcolonial, spatial, practice, material, performative turn), das wachsende Interesse an Binarität und Differenz sowie auf das analytische Instrumentarium der Kulturwissenschaften zurückzuführen. Sie halten Denkfiguren und Konzepte bereit, die Ambivalenzen und Zustände des Dazwischen theoretisch zu fassen und empirisch zu operationalisieren vermögen.

Institutionalisierung

Im Zuge der auf Grenzen und Differenzen abhebenden Gegenerzählung zum Globalisierungsdiskurs ist seit den späten 1990er Jahren eine stärkere Institutionalisierung der Border Studies festzustellen. Für das Arbeitsfeld zunehmen konstitutiv werden Arbeitsgruppen, Forschungszentren und Fachforen, ebenso wie die wachsende Zahl an Beiträgen in Büchern und Fachzeitschriften sowie an internationalen Konferenzen. Die erste Weltkonferenz „Border Studies“ wurde im Jahr 2014 in Finnland und Russland ausgerichtet.

Dezentrierung der Grenze

Im Zuge der sozialkonstruktivistischen Wende und ihren fachspezifischen Ausbuchstabierungen hat sich in den Border Studies die Einsicht durchgesetzt, dass Grenzen als (vorläufige) Ergebnisse von sozialen Prozessen aufzufassen und zu untersuchen sind. Der Fokus richtet sich demnach nicht auf ‚die Grenze’, sondern auf die sozialen Prozesse ihrer Hervorbringung. Diese an Praktiken der Einsetzung, Verschiebung, Unterwanderung oder Ausdehnung von Grenzen interessierte Forschungsperspektive lässt sich auf die (Re)Produktion von materiellen und immateriellen Grenzen übertragen, sie greift in allen Gegenstandsbereichen des Sozialen und ist nicht nur gegenwartsbezogenen Untersuchungen vorbehalten.

Als allgemeine Forschungshaltung hat sich diese dezentrierte Sicht auf Grenzen unter dem Terminus bordering etabliert, der in drei Teilaspekte untergliedert werden kann: Als debordering werden Prozesse bezeichnet, die eine Verflüssigung oder Überwindung von Grenzen und Differenzen implizieren; unter rebordering werden Prozesse gefasst, die eine Verschiebung oder (Wieder-)Einsetzung von Grenzen und Differenzen implizieren. Prozesse des de- und rebordering gehen nicht selten Hand in Hand. Daneben wird mit dem Begriff des bordering, in dem die Idee von Ordnung (order) eingelassen ist, eine machtkritische Frage aufgeworden: Welche Ordnungen werden über Prozesse des de-/rebordering hergestellt und als soziale Wirklichkeit unterstellt? Diese Frage kann sich z. B. auf die (Re)Produktion von (umkämpften) nationalstaatlichen Ordnungen, aber ebenso auf die (Re)Produktion von (umkämpften) Geschlechterordnungen beziehen.

Praxisparadigma

Mit der Dezentrierung der Grenze hat sich der Fokus in den Border Studies auf die Prozesse ihrer Produktion verlagert. Diese prozessorientierte Perspektive auf die Praxis (der Grenze) schreibt sich in das gesteigerte Interesse der beteiligten Disziplinen an performativen Vollzugswirklichkeiten ein. Trotz des gemeinsam geteilten Praxisparadigmas ist aber innerhalb der Border Studies ein weitgehend voraussetzungsloser oder überkommener Umgang mit dem Begriff der Praxis auszumachen.

Praxis wird vielerorts (noch) in eins gesetzt mit routiniertem Handeln oder schlichtweg vorausgesetzt als gesellschaftliche Wirklichkeit in Rückbindung an strukturierende Basis-Überbau-Prozesse. Besonders aber im Kontext von Grenzen und Differenzen folgt Praxis weniger erprobten Handlungsroutinen oder anleitenden Wissensstrukturen, Praxis ist hier vielmehr gekennzeichnet von Ambivalenz, Instabilität, Kreativität und Wandel. Praxis wird hier als performative Vollzugswirklichkeit also besonders herausgefordert, was seinen theoretisch-konzeptionellen Niederschlag in den Border Studies aber erst noch finden muss. Vielversprechende Ansatzpunkte dafür liefert eine junge Theorieströmung, die in der deutschsprachigen Kultursoziologie unter dem Terminus Praxistheorien diskutiert wird.