Grenzen untersuchen

Die Beschäftigung mit Grenzen in den Sozial- und Kulturwissenschaften hat in den letzten Jahrzehnten einen enormen Aufschwung erfahren. Dafür maßgeblich sind neben gesellschaftlichen Entwicklungen verschiedene wissenschaftstheoretische Wenden im Zuge des Poststrukturalismus, die eine Vielzahl an Begriffen und Ansätzen zur Untersuchung von Grenzen und der mit ihnen verknüpften Phänomene hervorgebracht haben. Sowohl die wachsende Pluralität des wissenschaftlichen Analyseinstrumentariums als auch der Untersuchungsgegenstände markieren das disziplinenübergreifende Arbeitsfeld Border Studies, das sich seit den 1990er Jahren auch in Europa formiert und zunehmend institutionalisiert.

Die wohl wichtigste Entwicklung der letzten Jahrzehnte in der Beschäftigung mit Grenzen lässt sich als ‚Dezentrierung der Grenze’ fassen, womit eine generelle disziplinenübergreifende Forschungshaltung zu bezeichnen ist. Diese äußert sich in der Untersuchung von Aspekten und Prozessen, die Grenzziehungen bzw. ihre Relativierungen zum Ergebnis haben oder durch diese beeinflusst sind. Dem Fokus auf Prozesse wie etwa Praktiken/Diskurse – die je nach Analysegegenstand unterschiedlich sind, aber zumeist auf die Einrichtung, Verschiebung, Unterwanderung oder Ausdehnung von Grenzen abzielen – liegt die Einsicht zu Grunde, dass Grenzen keine statischen und unhinterfragten Entitäten sind, sondern stets sozial hergestellt und veränderbar. Die Abwendung des analytischen Blicks von der Grenze als ontologischer Gegenstand hin zu den für sie konstitutiven Praktiken/Diskursen erlaubt es, Grenzen in ihrer Gemachtheit, also in ihren sozialen (Re-)Produktionsprozessen – die ‚Grenzverletzungen’ einschließen – und damit als veränderbare Phänomene zu untersuchen.

Mit der Überführung der Grenze in eine prozessuale Perspektive, die Praktiken/Diskurse als performative Phänomene fasst, weitet sich der Blick für unterschiedlichste Analysefelder sowie für differenzorientierte Überlegungen. Dafür zentral sind zwar die im Einzelfall untersuchten Praktiken/Diskurse vor dem Hintergrund des jeweiligen Erkenntnisinteresses, grundlegend unterschieden werden können jedoch vier miteinander verschränkte Analysefelder:

  • Materialität: Ansatzpunkte der Analyse von Grenzen bieten Praktiken/Diskurse zunächst in ihren ‚dingfesten’ Manifestationen. Dabei handelt es sich um Artefakte, Objekte oder Körper, die in ihrer materialen und symbolischen Dimension an der (Re-)Produktion von Grenzen beteiligt sind.
  • Spatialität: Daneben können Praktiken/Diskurse sowohl in ihren räumlichen Bezügen als auch hinsichtlich der mit ihnen verbundenen Raumemergenzen untersucht werden. Darüber kann die Konstitution von ‚Zwischenräumen’ erschlossen werden, ebenso wie bspw. die strategische Mobilisierung von Raumbildern zur (De-)Konstruktion von Differenz.
  • Temporalität: Ferner leistet die Untersuchung von differenzemergenten Praktiken/Diskursen die empirische Rekonstruktion von Grenzen in ihrer (In-)Stabilität und historischen Kontingenz. Die dafür einzunehmende diachrone Perspektive ist z. B. im Konzept der Phantomgrenze (Hirschhausen et. al. 2015)  bereits angelegt.
  • Macht: Ein weiteres Analysefeld bilden die mit der (Re-)Produktion von Grenzen verbundenen strategischen Interessen, die in entsprechenden Praktiken/Diskurse als Logiken (borderlogics) codiert sind. Über ihre Dekonstruktion können (implizite) Machttechniken und Machtformationen im Kontext von Grenzen aufgedeckt werden.

Neben solchen grundlegenden analytischen Zugriffen, die sowohl für nationale als auch kategoriale Grenzen zutreffend sind, macht die Orientierung an Praktiken/Diskursen den Blick frei für das basalste Prinzip von Grenzziehungen: das Prinzip der differenzkonstitutiven Relationalität. Es äußert sich in den in Praktiken/Diskursen codierten Bezugnahmen zu ‚anderen’ Räumen, Gruppen, Epochen etc., die die (Re-)Produktion von Differenz zur Folge haben bzw. Demarkationen mobilisieren und stabilisieren. Das Prinzip verweist unweigerlich auf Konzepte wie Alterität bzw. Identität und basiert auf dem relationalen Verhältnis zu einem (wie auch immer verfassten) Anderen (Othering), das wiederum wirksam ist für ‚eigene’ Räume, Gruppen oder Epochen. Diese vielschichtige Beziehung wird in Praktiken/Diskursen analytisch zugänglich, ebenso wie die mit ihnen (machtvoll) unterstellten Ordnungen (B/Ordering) bzw. vorgenommenen Differenzierungen von Räumen, Gruppen, Epochen etc.

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