Interkulturelle Interaktionsprozesse
Interkulturelle Interaktionsprozesse beschreiben Begegnungssituationen zwischen Angehörigen verschiedener kultureller Kontexte und die damit verbundenen Kommunikationsprozesse mit ihrer Dynamik, ihren Strukturen und ihren Verlaufsformen. Bei der Untersuchung von Interaktionen werden oftmals einerseits die Vertreter der beteiligten Kulturen betrachtet und andererseits die sich im Prozess entwickelnde und innovative Momente umfassende Interkultur. Mit der Analyse von Interaktionsprozessen sollen Komplementaritäten und (potentielle) Problemfelder zwischen bestimmten Kulturen herausgearbeitet und kulturvergleichende sowie interkulturelle Perspektiven miteinander verknüpft werden.
Die Beschreibung von sog. kulturellen Verhaltensmustern erfolgt in der interkulturellen Forschung weitgehend mit dem Konzept der Kulturstandards. Die nicht unumstrittene Kulturstandardtheorie, deren Gefahr der Übergeneralisierung und Stereotypisierung in Fachkreisen bekannt ist, geht davon aus, dass Verlaufsformen und Probleme in interkulturellen Situationen auf unterschiedlichen und für Gruppen, Organisationen, Nationen typischen Orientierungsmaßstäben des Wahrnehmens, Bewertens, Denkens und Handelns beruhen. Verfechter der Kulturstandardtheorie räumen der kulturell-mentalen Prägung von Interaktionspartnern also einen herausragenden Stellenwert für den Verlauf und die Dynamik von fremdkulturellen Interaktionssituationen ein. Zwar gelingt mittels Kulturstandards bzw. Kulturdimensionen die Beschreibung von Kulturen, jedoch liefern sie keinen Beitrag zum Kulturverstehen. Außerdem werden bei der Analyse interkultureller Interaktionssituationen auf der Grundlage von Kulturstandards oftmals einflussreiche Aspekte der Interaktion vernachlässigt (z.B. Kontextbedingungen, Persönlichkeitsmerkmale, Stereotype, subkulturelle Zugehörigkeit, Interkulturalitätsstrategien usw.).
Hingegen rücken kommunikationswissenschaftliche und linguistische Ansätze vor allem die Interaktionsdynamik in interkulturellen Situationen ins Zentrum ihrer Betrachtungen: Fremdkulturelle Interaktion wird hier nicht definiert als ein Aufeinandertreffen verschiedener Kultur- und Kommunikationsformen, sondern als ein situationsspezifisches Aushandeln von Kommunikations- und Verhaltensregeln während des Kulturkontakts. Das verhandelte Konglomerat situationsspezifischer Regeln wird weitgehend mit Begriffen wie „Interkultur“, „culture de contact“, „Zwischenwelt“, „intermonde“ oder „third culture“ gefasst, die das dynamische Interaktionsverhältnis zwischen verschiedenen Kulturen bezeichnen. Insbesondere im internationalen Management werden Interaktionsprozesse und die dadurch entstehende Interkultur berücksichtigt. Den Ausgangspunkt bildet hier die Annahme, dass Differenzen eng verbunden sind mit Komplementaritäten bzw. dass die Kenntnis um kulturelle Unterschiede die Entwicklung von Synergien fördert. Dies erfordert wiederum das Erfassen und Abbilden kultureller Unterschiede, wofür häufig auf Kulturstandards zurückgegriffen wird. Zwischen der Kulturstandardtheorie und den linguistisch-kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen hat jedoch insofern eine Annäherung stattgefunden, als dass die Situationsbezogenheit in der Analyse interkultureller Interaktionsprozesse zunehmend Beachtung finden.