Borderness: Woran erkennt man eine Grenze?

Grenzen stehen im Zentrum politischer Debatten und alltäglicher Erfahrungen. Zugleich hat sich die Grenzforschung von einem Verständnis entfernt, das Grenzen ausschließlich als territoriale Linien oder Orte staatlicher Kontrolle begreift. Heute untersucht sie auch digitale Kontrollen, mediale Darstellungen, künstlerische Auseinandersetzungen und räumlich verteilte Sicherheitspraktiken. Grenzen können so auch jenseits einer territorialen Linie stattfinden und untersucht werden.

Diese Erweiterung wirft jedoch die Frage auf: Was macht die untersuchten Vorgänge zu Grenzprozessen? Denn je weiter sich die Forschung von der territorialen Linie entfernt, desto weniger selbstverständlich ist, woran eine Grenze erkennbar wird. Wie lässt sich eine Grenze also bestimmen, ohne sie als Linie oder bereits gegebenes Objekt vorauszusetzen?

Grenzen jenseits der Linie

Seit dem Bordering Turn fragt die Grenzforschung danach, wie Grenzen hervorgebracht, praktiziert, materialisiert, stabilisiert oder angefochten werden. Parker und Vaughan-Williams (2012) bezeichnen diese Verschiebung des analytischen Blicks als „decentring of the border“. Dies impliziert, dass Prozesse der Ver- und Entgrenzung weder am territorialen Rand stattfinden müssen noch ausschließlich von staatlichen Institutionen ausgehen.

Das zeigt sich etwa bei einer Flugreise. Eine Grenzkontrolle kann bereits mit dem Visumantrag beginnen, sich bei der Übermittlung von Passagierdaten fortsetzen und an einer biometrischen Schleuse verdichten. Reisende begegnen der Grenze hier nicht nur an einem bestimmten Ort. Sie erfahren sie als zeitlich und räumlich verteiltes Zusammenspiel von Datenabgleichen, rechtlichen Kategorien, Zugangskontrollen und anderen Praktiken.

Neuere relationale Ansätze begreifen Grenzen entsprechend als Effekte solcher Konstellationen (Wille 2026a). Territoriale Grenzen verlieren dadurch keineswegs ihre Bedeutung. Die methodologische Dezentrierung verlangt vielmehr, genauer zu bestimmen, unter welchen Bedingungen relationale Prozesse eine Grenze hervorbringen und zu reflektieren, was sie von anderen sozialen Prozessen unterscheidet.

Wann ist ein Prozess ein Grenzprozess?

Grenzprozesse werden in der Fachdebatte als bordering diskutiert. Dabei lassen sich zwei Verständnisse unterscheiden (Wille 2026b). Im ersten bezeichnet bordering solche Prozesse, die an einer bestehenden Grenze stattfinden oder auf sie einwirken. Ein Grenzübergang kann zum Beispiel geöffnet, geschlossen, befestigt oder verlegt werden. Grenze und Grenzprozess bleiben hier analytisch unterscheidbar, steht die Grenze in dem Fall doch als Bezugspunkt bereits fest.

Im zweiten Verständnis bezeichnet bordering jene Prozesse, aus denen eine Grenze erst hervorgeht. Technologien, Institutionen, Diskurse, Praktiken, Körper und materielle Gegebenheiten wirken zusammen und bringen eine Grenze hervor, stabilisieren oder verändern sie. Beispielsweise kann die Klassifizierung von Reisenden nach Pass, Aufenthaltsstatus oder Risikoprofil im Zusammenspiel mit Datenbanken, Kontrollpersonal und Disziplinararchitektur darüber entscheiden, wer passieren darf, warten muss oder zurückgewiesen wird. Die Grenze ist hier nicht der Ausgangspunkt der Überlegungen, sondern das Ergebnis der zu untersuchenden Prozesse.

Beide Verständnisse sind produktiv und können sich ergänzen. Das zweite wirft jedoch ein Problem auf: Woran lässt sich erkennen, dass ein Prozess für bordering steht, wenn die Grenze erst aus ihm hervorgehen soll? Oft wird sein Bezug zu einer bestimmten Grenze stillschweigend vorausgesetzt. Dann dient die Grenze als Kriterium für die Auswahl jener Prozesse, mit denen ihre Entstehung erklärt werden soll. Das zu Erklärende kehrt hier also als Voraussetzung der Erklärung zurück.

Bei Untersuchungen an territorialen Grenzen fällt dieser Zirkelschluss oft nicht auf. Mit der räumlichen und methodischen Dezentrierung wird er aber deutlicher. Denn nicht jede Unterscheidung ist bereits eine Grenze im Sinne der Grenzforschung. Die Aufteilung von Fahrgästen nach Wagenklassen sorgt beispielsweise für verschiedene Nutzungsbedingungen und Ungleichheit. Ob hier tatsächlich eine grenzhafte Konstellation wirksam ist oder entsteht, lässt sich aber nicht allein aus der Unterscheidung ableiten.

Borderness: Wie wird etwas grenzhaft?

Einen Ansatzpunkt, um den problematischen Zirkelschluss zu durchbrechen, bietet Sarah Greens Konzept borderness (Green 2012). Die Sozialanthropologin fragt damit nach historisch und situativ unterschiedlichen senses of border. In anderen Worten: Sie fragt danach, wie etwas als Grenze wahrgenommen, vollzogen und erfahren wird. Borderness bezeichnet dabei keine Eigenschaft, die allen Grenzen gleichermaßen innewohnt. Das Konzept lenkt den Blick vielmehr auf die Bedingungen, unter denen etwas die Wirksamkeit einer Grenze erlangt oder verliert.

In diesem Sinne lässt sich borderness als eine emergierende Qualität verstehen. Sie ist nicht in einzelnen Prozesselementen oder Praktiken vorgängig eingelagert. Sie entsteht erst im Zusammenspiel verschiedener Elemente und kann sich mit der Zeit verändern. Während bordering hier die Prozesse bezeichnet, durch die Grenzen hervorgebracht werden, richtet borderness die Aufmerksamkeit darauf, wie ihr relationales Zusammenspiel grenzhaft wird.

Eine sozial hervorgebrachte Unterscheidung kann beispielsweise grenzhaft werden, wenn sie ein Diesseits und Jenseits erzeugt, Übergänge regelt oder Zugang und Zugehörigkeit unterschiedlich organisiert. Eine künstlerische Installation könnte historische Grenzkarten mit Fotografien und Erzählungen von Menschen verbinden, die eine Grenze im Alltag überqueren. Dabei träten unterschiedliche Vorstellungen davon hervor, wo die Grenze verläuft und für wen sie bedeutsam ist. Doch die Darstellung einer Grenze macht die Installation noch nicht selbst wirksam oder grenzhaft. Zu untersuchen wäre vielmehr, ob die Installation lediglich unterschiedliche Vorstellungen von der Grenze sichtbar macht oder ob ihre Rezeption auch beeinflusst, wer als zugehörig gilt, welche Erfahrungen (un)sichtbar werden und wie sich Akteure zueinander positionieren.

Abbildung: Bahnsteige im Hauptbahnhof Lüttich (Belgien). Die sichtbare Infrastruktur zeigt keine Grenze. Ob hier Grenzhaftigkeit entsteht, hängt davon ab, wie Wege, Dokumente, Klassifizierungen und Kontrollen zusammenwirken.

Foto: Christian Wille 2026

Zusammenspiel von Ordnung und Gestalt

Für die Analyse schlagen Wille und Gerst (2026) eine Heuristik vor, die zwischen order of the border und gestalt of the border unterscheidet und an die Frage nach borderness anschließt.

Die order of the border bezeichnet die vorläufige Ordnung der beteiligten Elemente: der Akteure, Praktiken, Diskurse, Infrastrukturen, Körper und weiteren Bestandteile eines Grenzprozesses. Entscheidend ist hier nicht allein, welche Elemente ‚anwesend‘ sind, sondern wie sie miteinander in Beziehung treten. Diese Beziehungen sind veränderlich und können Grenzprozesse entfalten, stärken oder schwächen.

An einem Bahnhof gehören etwa Bahnsteige, Fahrpläne, Kameras, Polizeistreifen, Fahrscheine, Ausweisdokumente und Reiseroutinen zum Geschehen. Ihre bloße Anwesenheit macht den Bahnhof aber nicht zur Grenze. Zu untersuchen ist vielmehr, wie diese Elemente zusammenwirken. Wenn zum Beispiel bestimmte Reisende aufgrund ihrer Dokumente kontrolliert werden, bestimmte Wege nehmen müssen oder ihre Reise nicht fortsetzen können, entsteht eine Ordnung mit differenzierenden und selektiven Wegen des Passierens.

Die gestalt of the border bezeichnet die aus dem Zusammenspiel der Prozesselemente hervorgehende Gesamtkonstellation. Mit ihr lässt sich fragen, welche Beziehungen die Elemente im konkreten Fall eingehen und welche Wirkungen sich daraus entfalten. Borderness richtet den Blick auf eine damit verbundene, aber andere Frage: Worin besteht die Grenzhaftigkeit dieser Konstellation? Im Bahnhofsbeispiel wäre zu untersuchen, ob und wie die verteilten Kontrollen ein Diesseits und Jenseits herstellen, Übergänge regulieren oder Personen ungleich behandeln. Die gestalt beschreibt somit die hervorgehende Konstellation; mit borderness wird gefragt, inwiefern und für wen diese Konstellation als Grenze wirksam und erkennbar wird.

Das Verhältnis zwischen den analytischen Kategorien order of the border und gestalt of the border ist rekursiv, wenn etwa eine grenzhafte Konstellation auf die Ordnung der beteiligten Prozesselemente zurückwirkt. Wer zum Beispiel an einem Bahnhof wiederholt kontrolliert wurde, kann bei der nächsten Reise zusätzliche Dokumente mitnehmen, früher aufbrechen oder bestimmte Wege meiden. Vergangene Erfahrungen gehen so in spätere Praktiken ein. Die gestalt of the border ist demnach Ergebnis vorausgegangener Prozesse und zugleich Bedingung folgender borderings (Wille/Gerst 2026).

Borderness empirisch untersuchen

Aus dieser Perspektive ergeben sich drei Folgerungen für die Forschung (Wille/Gerst 2026). Erstens sollte sie nicht schon zu Beginn festlegen, welche Prozesse und ihre Elemente eine Grenze konstituieren. Vielmehr muss sie herausarbeiten, welche Elemente im untersuchten Fall grenzrelevant werden und welche Wirkungen sie im Zusammenspiel entfalten.

Zweitens sollte die Analyse den räumlich, sozial und zeitlich verteilten Beziehungen zwischen diesen Elementen folgen. Grenzhaftigkeit kann gerade dort entstehen, wo zunächst separat erscheinende Vorgänge ineinandergreifen: Etwa, wenn eine rechtliche Kategorie, eine Datenbank und eine lokale Kontrollpraxis gemeinsam über den Zugang einer Person entscheiden.

Drittens verdienen Störungen, Konflikte und Brüche besondere Aufmerksamkeit. Wenn eine Kontrolle scheitert, eine Zuordnung angefochten oder eine gewohnte Route unterbrochen wird, treten Beziehungen hervor, die im Alltag oft nicht sichtbar waren. Solche Situationen können zeigen, welche Elemente grenzrelevant sind oder wie sich eine Grenze zu erkennen gibt.

Borderness bezeichnet somit keine universelle Eigenschaft von Grenzen. Der Begriff eröffnet eher eine empirische Frage: Unter welchen Bedingungen werden Prozesse und ihre Beziehungen als Grenze wirksam? Diese Frage hilft, Grenzen zu untersuchen, ohne sie bereits vorauszusetzen und zu bestimmen, was Grenzprozesse von anderen Formen gesellschaftlicher Ordnungsbildung unterscheidet.

Referenzen

Green, Sarah (2012): A Sense of Border. In: Thomas M. Wilson/Hastings Donnan (eds.): A Companion to Border Studies. Malden: Wiley-Blackwell, 573–592.

Parker, Noel/Vaughan-Williams, Nick (2012): Critical Border Studies: Broadening and Deepening the ‘Lines in the Sand’ Agenda. Geopolitics 17(4), 727–733. https://doi.org/10.1080/14650045.2012.706111

Wille, Christian (2026a): Von der Linie zum Gefüge: Eine ontologische Verschiebung in der Grenzforschung | De la ligne au composite : un déplacement ontologique dans les études sur les frontières. BorderObs, UniGR-Center for Border Studies. https://hdl.handle.net/10993/68805

Wille, Christian (2026b): Bordering ist plural. Warum Grenzforschende häufig aneinander vorbeireden. UniGR-CBS Working Paper 30, UniGR-Center for Border Studies. https://doi.org/10.5281/zenodo.19499938

Wille, Christian/Gerst, Dominik (2026): Rethinking Complexity in Border Studies. Journal of Borderlands Studies (online first). https://doi.org/10.1080/08865655.2026.2633123

Wille, Christian (2026): Von der Linie zum Gefüge: Eine ontologische Verschiebung in der Grenzforschung | De la ligne au composite : un déplacement ontologique dans les études sur les frontières. BorderObs, UniGR-Center for Border Studies. mehr Info
Bretschneider/Grimm-Hamen/Wagner/Leutloff-Grandits/Wille (Hg.) (2026): Spatialities, Temporalities and Materialities of Border Complexities. Baden-Baden, Nomos. mehr Info
Wille, Christian / Gerst, Dominik (2026): Rethinking Complexity in Border Studies. Journal of Borderlands Studies (online first). mehr Info
Wille (2025): Vom Schengen-Spirit zum Border-Spirit. Beobachtungen aus Sicht der Grenzforschung. In: Brodowski, D. / Dittel, J. / Weber, F. (Hg.): 40 Jahre Schengener Übereinkommen. Europa und seine inneren Grenzen. Baden-Baden, Nomos, 149-175. mehr Info