Rethinking Complexity in Border Studies
Grenzen erscheinen in politischen und medialen Debatten häufig als eindeutige Linien: sie trennen, ordnen, sichern. In der Grenzforschung dagegen ist zunehmend von ihrer Komplexität die Rede. Doch wird Komplexität dabei analytisch ernst genommen oder bleibt sie eher eine schillernde Metapher?
Der Artikel „Rethinking Complexity in Border Studies“ (2026) setzt an diesen Fragen an. Er analysiert die Rede von Komplexität in der Grenzforschung und zeigt, dass der Begriff noch unterbestimmt ist. Zwar wird Komplexität in vielen Forschungsarbeiten konstatiert, aber nur selten theoretisch fundiert oder methodologisch eingelöst.
Die Autoren plädieren daher dafür, Komplexität nicht länger als bloße Beschreibung multipler Perspektiven, Akteure oder Dimensionen zu verwenden, sondern den Begriff im Lichte der Komplexitätstheorien weiter zu präzisieren und analytisch fruchtbar zu machen.
Im Zentrum steht die Unterscheidung zwischen einer komplexen Ordnung der Grenze – verstanden als nicht-lineares Zusammenspiel heterogener Prozesselemente – und komplexen Gestalt der Grenze – verstanden als emergente Eigenschaft, als Grenze wirksam und als solche erkennbar zu werden.
Mit diesen Kategorien stecken die Autoren einen konzeptuellen Rahmen ab, der es erlaubt, Grenzen als komplexe Gefüge zu analysieren: als relationale, dynamische und emergente Konstellationen, deren Wirksamkeiten aber nicht auf einzelnen Prozesselementen beruhen, sondern die erst in ihrem Zusammenspiel entstehen. Die Autoren formulieren außerdem methodologische Prinzipien, um Bordering-Prozesse komplexitätsorientiert zu untersuchen, ohne in lineare Kausalmodelle oder vereinfachende Zuschreibungen zurückzufallen.
Mit ihrem Artikel laden die kulturwissenschaftlichen Grenzforscher Christian Wille und Dominik Gerst dazu ein, die gegenwärtige Komplexitätsrhetorik in der Grenzforschung theoretisch-konzeptuell zu schärfen und forschungspraktisch ernst zu nehmen.
Bibliographische Informationen
Wille, Christian / Gerst, Dominik (2026): Rethinking Complexity in Border Studies. Journal of Borderlands Studies (online first).
Persistent Identifiers
https://doi.org/10.1080/08865655.2026.2633123
https://hdl.handle.net/10993/67825