Grenzen und Zeit
Die systematische Auseinandersetzung mit Grenzen und Zeit ist in der Grenzforschung bislang nachrangig geblieben. Dennoch lassen sich im Feld zwei grundlegende Perspektiven erkennen: die Betrachtung von Grenzen in der Zeit und die Betrachtung von Grenzen mit Zeit.
Grenzen in der Zeit
Diese Perspektive zielt auf historische Entwicklungen ab und fragt, wie sich Grenzen im Laufe der Zeit verändern. Häufig werden dafür Periodisierungen angelegt, etwa Unterscheidungen zwischen imperialen, nationalen oder postnationalen Grenzen bzw. Grenzregimen.
Kritiker wie Liam O’Dowd (2010) betonen, dass sich historische Entwicklungen nicht eindeutig in Zeiträume gliedern lassen. Vielmehr spielen Übergänge und Gleichzeitigkeiten eine Rolle. Grenzen seien dementsprechend als historisch gewachsene Machtordnungen zu begreifen, in denen Prozesse verschiedener Perioden zugleich wirksam sind. Zeit wird hier also nicht als lineare Abfolge verstanden, sondern als komplexe Verschränkung verschiedener Entwicklungen.
Konzepte wie Sarah Greens „tidemarks“ (2018) oder Adrian Littles „complex temporality of borders“ (2015) bauen darauf auf und zeigen, inwiefern Grenzen für in der Zeit entstandene Sedimente stehen.
Grenzen mit Zeit
Diese Perspektive fragt, wie Zeit in Bordering-Prozessen eingesetzt wird, um soziale und kulturelle Ordnungen zu etablieren oder anzufechten. Dabei geht es um die Art und Weise, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinander bezogen und instrumentalisiert werden.
Dies illustriert der Kontext von Migration anschaulich, in dem zeitbezogene Steuerungstechniken wie Warten, Beschleunigung oder Unterbrechung von Mobilität bedeutsam sind. Sandro Mezzadra und Brett Neilson (2013) sprechen in diesem Zusammenhang von „temporal borders“, während Studien zu Willkommenspraktiken (Aubry/Schapendonck, 2023) verdeutlichen, wie solche machtvollen Zeitlichkeiten erfahren und angeeignet werden.
Ferner wird Zeit zur Konstruktion von Differenz eingesetzt. Ansätze wie „chronopolitical othering“ (van Houtum 2021) zeigen, wie gesellschaftliche Gruppen mittels zeitbezogener Zuschreibungen verortet und damit in soziale Hierarchien gebracht werden (z. B. als „fortschrittlich“ oder „rückständig“). Auch politische Diskurse bringen Zeitmuster strategisch in Anschlag: Konzepte wie „anachronistic bordering“ (Luuk Winkelmolen et al., 2025) oder „temporal templates“ (Taş, 2022) illustrieren, wie historische Bezüge hergestellt und eingesetzt werden, um gegenwärtige politische Ordnungen und ihre Durchsetzungspraktiken als notwendig erscheinen zu lassen.
Eine Verdichtung erfahren solche Prozesse in Erinnerungspraktiken. Während Alena Pfoser (2022) mit dem Konzept der „border memories“ alltagskulturelle Formen der Erinnerung in den Blick nimmt, untersuchen Konrad et al. (2025) institutionalisierte Formen wie Denkmäler oder Museen als „memorialisation of borders“. Beide Ansätze betonen, dass Erinnerungsarbeit nicht ‚unschuldig‘ und vergangenheitsbezogen ist, sondern der Stabilisierung oder Infragestellung gegenwärtiger Grenzen dient.
Die dargelegte Unterscheidung skizziert, wie vielfältig Zeit bzw. Zeitlichkeiten in der Grenzforschung diskutiert werden. Während die eine Perspektive vor allem auf historische Entwicklungen in der Zeit abstellt, versteht die andere Zeit selbst als konstitutives Element von Bordering-Prozessen.
Aubry, Lola / Schapendonk, Joris (2023): Welcome Cultures and the Chronopolitics of B/Ordering. Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 114(5), 501-513. https://doi.org/10.1111/tesg.12598
O’Dowd, Liam (2010): From a ‘Borderless World’ to a ‘World of Borders’: ‘Bringing History Back in’. Environment and Planning D: Society and Space 28(6), 1031-1050. https://doi.org/10.1068/d2009
Green, Sarah (2018): Lines, traces, and tidemarks: further reflections on forms of border. In: Demetriou, Olga / Dimova, Rozita (Hg.): The Political Materialities of Borders: New Theoretical Directions. Manchester, Manchester University Press, 67-83.
Houtum, Henk van (2021): Beyond ‘Borderism’: Overcoming Discriminative B/Ordering and Othering. Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 112(1), 34-43. https://doi.org/10.1111/tesg.12473
Konrad, V. / Richardson, P. / Prokkola, E. K. / Ridanpää, J. / Rahman, M. Z. / Horsti, K. / Moyo, I. / Laine, J. P. / Lois, M. / Andersen, D. J. / Timothy, D. J. / Więckowski, M. / Boyle, E. (2025): Geopolitics and Memorialisation of Borders. Geopolitics 31(2), 846-899. https://doi.org/10.1080/14650045.2025.2514754
Little, Adrian (2015): The complex temporality of borders: contingency and normativity. European Journal of Political Theory 14(4), 429-447, https://doi.org/10.1177/1474885115584831
Mezzadra, Sandro / Neilson, Brett (2013): Border as Method, or, the Multiplication of Labor. Durham/London, Duke University Press.
Pfoser, Alena (2022): Memory and Everyday Borderwork: Understanding Border Temporalities. Geopolitics 27(2), 566-583. https://doi.org/10.1080/14650045.2020.1801647
Taş, Hakkı (2022): The chronopolitics of national populism. Identities 29(2), 127-145. https://doi.org/10.1080/1070289X.2020.1735160
Winkelmolen, Luuk / Garidou, Paschalina T. / Houtum, Henk van (2025): Waiting for Today’s Barbarians: How the Fall of the Roman Empire Is Anachronistically Exploited to Serve a Contemporary Discriminatory B/Ordering and Othering Agenda. Journal of Borderlands Studies 40(2), 417-435. https://doi.org/10.1080/08865655.2024.2330067