Wohnmigranten in der Großregion SaarLorLux

Aussagen über Aufkommen und Merkmale der grenzüberschreitenden Wohnmigranten können nur vorsichtig getroffen werden, da Informationen über die interessierenden Migrationsbewegungen noch nicht hinreichend detailliert erfasst werden. Die vorliegenden Daten werden von den regionalen Statistischen Ämtern im Saarland, in Rheinland-Pfalz, in Lothringen und in Wallonien zur Verfügung gestellt und unterscheiden sich stark in ihrer Aussagekraft. Besser dokumentiert ist die Teilgruppe der atypischen Grenzpendler; bei ihnen handelt es sich um Personen, die nach dem Umzug aus Luxemburg in eine Nachbarregion weiter im Großherzogtum erwerbstätig sind und sich damit – in atypischer Weise – von der Gruppe der Grenzpendler, die nicht in ihrem Herkunftsland arbeiten, abheben.

Die Zahl der atypischen Grenzpendler mit luxemburgischer Nationalität belief sich im Jahr 2014 zwar auf nur 4.865 Personen, seit 2002 ist sie aber um das 3,5-Fache gestiegen – insbesondere in grenznahen Gebieten. Die meisten von ihnen pendeln nach Luxemburg aus Deutschland (42,5%) ein, gefolgt von Belgien (35,8%) und Frankreich (21,7%). Diese Verteilung ist das Ergebnis eines Verschiebungsprozesses, der sich im letzten Jahrzehnt vollzogen hat: Während bis Anfang der 2000er Jahre noch über zwei Drittel der atypischen Grenzpendler in den belgischen und französischen Regionen wohnten, haben Rheinland-Pfalz und das Saarland an Bedeutung gewonnen. Auf sie entfällt seit 2006 der größte Anteil der atypischen Pendler mit luxemburgischer Nationalität. Jüngste Entwicklungen zeigen, dass atypische Grenzpendler verstärkt aus Belgien nach Luxemburg an ihren Arbeitsplatz kommen, was aber nur bedingt als realer Anstieg des Phänomens gedeutet werden kann. Vielmehr ist bekannt, dass durch den seit 2010 erleichterten Erwerb der luxemburgischen Staatsbürgerschaft – sofern luxemburgische Vorfahren nachgewiesen werden können – diese von vielen Belgiern in den letzten Jahren angenommen wurde. Einige der ohnehin in Luxemburg beschäftigten Grenzpendler werden seitdem als atypische Grenzpendler in der amtlichen Statistik geführt.

Brosius/Carpentier (2010) ziehen in ihre Betrachtungen der atypischen Grenzpendler zusätzlich Person mit nicht-luxemburgischer Nationalität ein und stellen für die Jahre zwischen 2001 und 2007 fest, dass die Luxemburger lediglich ein Viertel dieser Gruppe ausmachen. Hingegen bilden Personen mit deutscher, französischer und belgischer Nationalität einen bemerkenswert hohen Anteil (57%), gefolgt von Portugiesen (10%) und sonstigen Nationalitäten (8%). Die atypischen Grenzpendler mit französischer, belgischer und deutscher Nationalität haben im Zuge der grenzüberschreitenden Wohnmigration fast ausnahmslos den neuen Wohnort im Land ihrer Nationalität gewählt.

Im Folgenden wird näher auf das Aufkommen und die zentralen Entwicklungen der Wohnmigration in den einzelnen Teilgebieten der Großregion eingegangen. Dabei werden auf Grundlage der verfügbaren amtlichen Statistik nicht nur atypische Grenzpendler, sondern ebenso Personen mit luxemburgischer Staatsbürgerschaft insgesamt sowie Zuzüge aus Luxemburg berücksichtigt.

Saarland und Rheinland-Pfalz

Im Saarland lebten im Jahr 2011 2.725 Personen mit luxemburgischer Staatsbürgerschaft. Ihre Zahl hat sich seit 2001 mehr als verdreifacht. Besonders große Veränderungen im Vergleich zum Vorjahr sind in den Jahren 2006 und 2007 auszumachen, in denen die Zahl der Luxemburger jährlich bis zu einem Drittel angestiegen ist (33,2% im Jahr 2008/2007). Mit der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahr 2008 brach die Entwicklungsdynamik jedoch abrupt ein, so dass sich das Wachstum in den Folgejahren – bei anhaltend positivem Trend – spürbar verlangsamte. Auch die Zahl der jährlichen Zuzüge ins Saarland aus Luxemburg hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht: Während im Jahr 2000 noch 161 Zuzüge aus Luxemburg registriert wurden, waren es im Jahr 2011 bereits 576. Dabei ist zu beobachten, dass nach 2008 pro Jahr zunehmend mehr Nicht-Luxemburger aus dem Großherzogtum zuziehen.

In Rheinland-Pfalz hat sich die Zahl der Luxemburger seit 1995 mehr als vervierfacht: Lebten damals noch 1.422 Personen mit luxemburgischer Staatsbürgerschaft in dem Bundesland, so waren es im Jahr 2012 bereits 5.637. Innerhalb dieses Zeitraums sind drei Entwicklungsphasen zu unterscheiden: In den Jahren 2000-2004 ist – mit jährlichen Veränderungsquoten von noch unter 10% – ein erster Anstieg der Zuzüge von Luxemburgern festzustellen; zwischen 2004 und 2008 erhöhten sich die jährlichen Veränderungsquoten auf bis zu 20% und schließlich verlangsamte sich die Entwicklungsdynamik seit 2008 spürbar. Die Mehrheit der Luxemburger (90%) lebte in unmittelbarer Grenznähe: 43% entfielen auf den Landkreis Trier-Saarburg, 36,2% auf den Eifelkreis Bitburg-Prüm und 10,2% auf die kreisfreie Stadt Trier. Hinsichtlich der Zuzüge nach Rheinland-Pfalz wurden im Jahr 2012 1.242 Personen aus dem Großherzogtum gezählt, darunter 726 Luxemburger und 516 Nicht-Luxemburger. Der Anteil der Nicht-Luxemburger an den jährlichen Zuzügen beläuft sich seit Mitte der 2000er-Jahre auf ca. 40%.

Analog zum Anwachsen der Zuzüge aus Luxemburg hat sich auch das Aufkommen der atypischen Grenzpendler mit Wohnsitz in Deutschland erhöht. Fast alle der 2.067 Luxemburg-Pendler (2014) mit luxemburgischer Nationalität aus Deutschland wohnten im benachbarten Rheinland-Pfalz und im Saarland. Sie waren mehrheitlich in Rheinland-Pfalz (1.366) und hier v.a. in den Kreisen Trier-Saarburg und Bitburg-Prüm ansässig. Ca. ein Drittel entfiel auf das Saarland (657), wo sie überwiegend im grenznahen Kreis Merzig-Wadern wohnten. Wichtigste Wohngemeinden der in Deutschland lebenden atypischen Grenzpendler sind die Kommunen Perl, Trier, Mettlach, Nittel, Palzem, Freudenburg, Wincheringen und Konz. Seit Mitte der 2000er-Jahre ist festzustellen, dass von der luxemburgischen Grenze weiter entfernt gelegene Gebiete zunehmend vom Phänomen der Wohnmigration erfasst werden.

Lothringen

In Lothringen lebten im Jahr 1999 2.550 und im Jahr 2010 2.399 Luxemburger. Dies entspricht einem Rückgang von 6% innerhalb von elf Jahren. Die verfügbare Statistik gibt aber lediglich Auskunft über Personen mit luxemburgischer Nationalität, während die aus Luxemburg Zugezogenen mit anderer Nationalität (z. B. Franzosen oder Portugiesen) hier nicht erfasst sind. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ihr Anteil an der lothringischen Wohnbevölkerung nicht unerheblich ist, sind doch 84% bzw. 59% der erwerbstätigen Franzosen bzw. Portugiesen, die zwischen 2001 und 2007 ihren Wohnsitz ins angrenzende Ausland verlagert haben, nach Lothringen gezogen (Brosius/Carpentier 2010: 32). Die atypischen Grenzpendler mit luxemburgischer Nationalität haben sich im letzten Jahrzehnt (2002-2014) mehr als verdoppelt (112%); ihr Aufkommen belief sich im Jahr 2014 auf 1.055 Personen. Zwei Drittel von ihnen wohnten im Departement Moselle, v.a. in den Kantonen Cattenom und Fontoy. Etwa ein weiteres Drittel war im Departement Meurthe-et-Moselle gemeldet, v.a. in den Cantonen Villerupt, Audun-le-Romain, Herserange und Mont-Saint-Michel.

Wallonien

Hinsichtlich der ansässigen Luxemburger sowie der jährlichen Zuzüge aus Luxemburg nach Wallonien sind keine statistischen Daten verfügbar. Jedoch geben die Informationen über die 1.743 (2014) in Belgien wohnenden Luxemburger, die im Großherzogtum arbeiten, einige Anhaltspunkte. Sie lebten zu 89% in der wallonischen Province de Luxembourg, ihr Aufkommen dort hat sich zwischen 2002 und 2014 verdreifacht und belief sich im Jahr 2014 auf 1.553 Personen. Sie wohnten insbesondere im Arrondissement d’Arlon (72%), gefolgt vom Arrondissement de Virton (14,4%). Zu den wichtigsten Wohngemeinden der in Belgien lebenden atypischen Grenzpendler zählen Arlon, Aubange, Messancy, Bastogne und Attert (Gengler 2010: 270). In jüngster Zeit ist auch ein Anwachsen der atypischen Grenzpendler im Arrondissement Verviers festzustellen, das zur Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens zählt.

Für das letzte Jahrzehnt lässt sich zusammenfassend ein kontinuierlicher Anstieg der grenzüberschreitenden Wohnmigranten aus Luxemburg feststellen und damit verbunden ein Anwachsen des atypischen Grenzpendlerwesens. Dabei ist das angrenzende Deutschland im Vergleich zum angrenzenden Frankreich und Belgien als Wohnland besonders nachgefragt. Zu bemerken bleibt, dass die skizzierte Situation die tatsächliche Entwicklung und den Umfang der Wohnmigration nur annährend wiedergibt. Denn die Zahl derer, die umziehen und aus verschiedensten Gründen ihren Wohnsitz in Luxemburg beibehalten – und in der Statistik der Bevölkerungsbewegungen nicht erfasst werden – ist vermutlich erheblich. Daher ist anzunehmen, dass das Phänomen der grenzüberschreitenden Wohnmigration weitaus ausgeprägter ist als es hier wiedergegeben werden konnte.

Wille/Roos (2020): Cross-border everyday lives on the Luxembourg border? An empirical approach: the example of cross-border commuters and residential migrants. In: Wille/Nienaber (Hg.): Border Experiences in Europe. Everyday Life – Working Life – Communication – Languages. Nomos, 101-126. mehr Info
Boesen/Schnuer/Wille (2015): Urbanität im ländlichen Raum. Wohnmigration in der deutsch-luxemburgischen Grenzregion. In: Garstenauer/Unterwurzacher (Hg.): Aufbrechen, Arbeiten, Ankommen. Mobilität und Migration im ländlichen Raum seit 1945. Studienverlag, 225-244. mehr Info