Praktiken der Grenze

Seit einem Jahrzehnt ist in Europa eine Renaissance der Grenzen zu beobachten. Dieser Befund steht im Zusammenhang mit wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ereignissen, die wiederum neue soziokulturelle Entwicklungen bewirken. Diese Dynamik fordert die Grenzforschung heraus und hat ihr in den letzten Jahren wichtige Impulse verliehen.

Dazu zählt die Ausdifferenzierung des Arbeitsfelds in verschiedene Strömungen, wie etwa die Cultural Border Studies flankiert von den bekannten geopolitischen Betrachtungen. Daneben ist eine gesteigerte theoretisch-konzeptionelle Debatte auszumachen, die inspiriert vom practice turn zu einer kaum überschaubaren Reihe an Ansätzen und Begriffen geführt hat. Sie teilen weitgehend die Auffassung, dass Grenzen in oder durch soziale Praktiken hervorgebracht werden.

Vor diesem Hintergrund kann in der Grenzforschung zwischen drei analytischen Trends unterschieden werden, die auf einer sozialkonstruktivistischen Orientierung aufbauen (Wille 2020): der Idee der Grenze als soziale Produktion, die sich an ‚schlanken‘ Prozessen ihrer (De-)Stabilisierung festmachen lässt und in bzw. durch Praktiken manifest wird (processual shift). Daran knüpft eine geweitete Auffassung solcher Prozesse an, die für die Vielheit der in Bordering-Vorgängen wirksamen Aspekte sensibilisiert und einen multiplen Zugriff auf Grenz(de)stabilisierungen privilegiert (multiplicity shift). Schließlich markieren komplexere Betrachtungen das Feld, die Grenz(de)stabilisierungen als Effekte von dynamischen Formationen verstehen (complexity shift).

Diese Unterscheidungen teilen die Idee der sozialen Gemachtheit von Grenzen und sind angeleitet von der Kategorie der sozialen Praxis. Dabei weist letztere allerdings eine gewisse begriffliche Variation auf bei weitgehender Verschwiegenheit darüber, was unter den analytisch bedeutsamen ‚Grenzpraktiken‘, ‚border practices‘ usw. genau zu verstehen ist. Abgesehen von vereinzelten Arbeiten, die sich mit dem Praxisbegriff explizit auseinandersetzen (z.B. Wille/Connor 2019; Wille 2014; Côté-Boucher/Infantino/Salter 2014), bleibt für die Grenzforschung eine überwiegend unbestimmte Verwendung des Praxisbegriffs festzustellen.

In diesem Zusammenhang sei jedoch auf die Praxistheorien verwiesen als eine mögliche Inspiration für die theoretisch-konzeptionelle Fundierung von Grenz(de)stabilisierungen. Zu den Praxistheorien (z.B. Schatzki 2002; Reckwitz 2003; Schmidt 2012; Hillebrandt 2014; Schäfer 2016; Gherardi 2019) zählen sozialtheoretische Ansätze, welche die soziale Praxis ins Zentrum stellen und eine Reihe vertrauter Dichotomien überwinden. Die sog. ‚flache Ebene‘ der sozialen Praxis – hier verstanden als Schauplatz von Grenz(de)stabilisierungen – geht mit Blick auf Individuum und Gesellschaft von einem sich wechselseitig konstituierenden und fortlaufend aktualisierenden Verhältnis aus.

Vor diesem Hintergrund sind Sozialität bzw. Grenzen als soziale Produktionen außerhalb sozialer Praxis nicht denkbar, sie werden in der Praxis beständig (re-)produziert und in der Zeit transformiert. Weiter sind die Praxistheorien für die Untersuchung von Grenzen als multiple Prozesse anschlussfähig, etwa über die in Praktiken berücksichtigten Körperlichkeiten und Materialitäten. Während Körper für die (gekonnte) Aufführung von Wissen in Praktiken bedeutsam sind, nehmen sie – wie Objekte oder Artefakte – in den Praxistheorien zugleich an Praktiken teil. Körper, Objekte und Artefakte sind also konzeptionelle Bestandteile sozialer Praxis bzw. von Prozessen der Grenz(de)stabilisierung, in denen sie als soziomaterielle Allianzen wirksam werden können. Außerdem verstehen Praxistheorien die Praktiken nicht als isolierte soziale Entitäten, sondern stets eingebettet in relationale Zusammenhänge mit anderen (mitunter vergangenen) Praktiken. Diese kontextualisierende Anschauung des Sozialen bietet geeignete Anschlüsse für die Untersuchung von Grenzen als komplexe Formationen.

Diese Hinweise auf mögliche Verschränkungen der Grenzforschung mit den Praxistheorien geben einen Ausblick darauf, wie die analytisch bedeutsame Kategorie der sozialen Praxis in der Grenzforschung sozialtheoretisch rückgebunden und die theoretisch-konzeptionelle Debatte künftig orientiert werden kann.

Literatur

Côté- Boucher, Karine / Infantino, Frederica / Salter, Mark B. (2014): Border security as practice: An agenda for research. Security Dialogue 45(3), S. 195-208.

Gherardi, Silvia (2019): Practice as a collective and knowledgeable doing. Working Paper Series 8, Collaborative Research Center 1187 Media of Cooperation.

Hillebrandt, Frank (2014): Soziologische Praxistheorien. Eine Einführung. Wiesbaden, Sringer VS.

Reckwitz, Andreas (2003): Grundelemente einer Theorie sozialer Praktiken. Eine sozialtheoretische Perspektive. Zeitschrift für Soziologie 32(4), S. 282-301.

Schatzki, Theodore (2002): The Site of the Social. University Park: Pennsylvania State University Press.

Schäfer, Hilmar (2016) (Hg.): Praxistheorie. Ein soziologisches Forschungsprogramm. Bielefeld, transcript, S. 9-25.

Schmidt, Robert (2012): Soziologie der Praktiken. Konzeptionelle Studien und empirische Analysen. Frankfurt/M, Suhrkamp.

Wille, Christian (2020): Towards a complexity shift: Aktuelle analytische Trends der Grenzforschung. In: Klessmann, Maria / Gerst, Dominik / Krämer, Hannes (Hg.): Grenzforschung. Handbuch für Wissenschaft und Praxis (Reihe: Border Studies. Cultures, Spaces, Orders). Baden-Baden, Nomos (im Erscheinen).

Wille, Christian / Connor, Ulla (2019): Cross-border cooperation as practice formation. Perspectives for an alternative research approach. In: Beck, Joachim (Hg.): Transdisciplinary discourses on cross-border cooperation in Europe. Bruxelles, Peter Lang, S. 255-278.

Wille, Christian (2014): Räume der Grenze. Eine praxistheoretische Perspektive in den kulturwissenschaftlichen Border Studies. In: Elias, Friederike / Franz, Albrecht / Murmann, Henning / Weiser, Ulrich Wilhelm (Hg.): Praxeologie. Beiträge zur interdisziplinären Reichweite praxistheoretischer Ansätze in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Berlin, De Gruyter, S. 53-72.

Wille/Kanesu (Hg.) (2020): Bordering in Pandemic Times. Insights into the COVID-19 Lockdown (thematic issue). Borders in Perspective 4. mehr Info
Wille/Nienaber (Hg.) (2020): Border Experiences in Europe. Everyday Life – Working Life – Communication – Languages. Nomos. mehr Info
Wille/Connor (2019): Cross-border cooperation as practice formation. Perspectives for an alternative research approach. In: Beck (Hg.): Transdisciplinary discourses on cross-border cooperation in Europe. Bruxelles, Peter Lang, 255-278. mehr Info
Wille/Reckinger/Kmec/Hesse (Hg.) (2016): Spaces and Identities in Border Regions. Policies – Media – Subjects. transcript. mehr Info